C. Storm-Knirsch, Wilhelmshöher Str. 24, 12161 Berlin (Friedenau), Tel.: 030 - 851 37 88, Mobil 0173 - 93 42 560, Fax 030 - 852 07 72, storm-knirsch@t-online.de,
www.storm-knirsch.de
"Krankenkassen "
aus:
Prof. Dr. Walter Krämer & Götz Trenker:
Lexikon der populären Irrtümer.
500 kapitale Missverständnisse, Vorurteile und Denkfehler von Abendrot bis Zeppelin (1998)
Unter dem Stichwort "Krankenkassen" heißt es bei den Autoren über den "Irrtum"
"
Die Krankenkassen vertreten die Interessen der Versicherten":Die deutschen Krankenkassen vertreten in erster Linie ihre eigenen Interessen: möglichst hohe Gehälter für die Funktionäre und möglichst viele Mitglieder, die diese Gehalter zahlen. Die Interessen bzw. der Geldbeutel der Patienten sind einer deutschen Krankenkasse einerlei.
Nur durch die aktive und mitgliederfeindliche Unterstützung der deutschen Krankenkassen konnte unser Gesundheitswesen zu dem großen Finanzdesaster werden, das es unbestreitbar heute ist. Angefangen bei den Wucherpreisen, die unsere Krankenhäuser für fast alles zahlen, was sie brauchen, vom Putzlappen bis zum Röntgenapparat, über die Raubrittergebühren unserer Rettungsdienste bis zu den gerichtsnotorischen Überschussmilliarden für Blutgerinnungspräparate – wann immer im deutschen Gesundheitswesen gutes Geld zum Fenster hinausgeworfen wird, die Krankenkassen helfen fleißig mit. Nicht von ungefähr wurde der große Herzklappenskandal nicht von den Krankenkassen, sondern im wesentlichen von Bonner Gesundheitsbürokraten aufgedeckt, oder gehen Anzeigen wegen Abrechnungsschwindel und Rezeptbetrug nur selten von den Krankenkassen aus (die ganz im Gegenteil selbst notorische Betrüger noch oft decken).
Ohne zu murren bezahlen deutsche Krankenkassen jede noch so schäbige Dienstleistung der Anbieter, jedes noch so sinnlose Rezept; sie finanzieren Fahrradwochenenden, Bauchtanzkurse, Badekuren, sie schicken ihre Funktionäre auf Kongresse nach Tokio und Acapulco, leisten sich exklusive Büros in den teuersten Lauflagen unserer Städte und gehen ganz allgemein mit dem Geld ihrer Versicherten um, als hätten sie es selbst gedruckt. Statt in guten Zeiten Beiträge zu senken, blähen sie Verwaltungswasserköpfe auf (pro Jahr verschlingt die Verwaltung unserer Krankenkassen mehr als zehn Milliarden Mark); statt den Anbietern auf die Finger zu sehen, kollaborieren sie mit ihnen, wo sie können; statt die Interessen der Patienten zu vertreten, stecken sie mit deren monetären Kontrahenten unter einer Decke.
Einzelne Ausnahmen wie die Betrieskrankenkassen bestätigen diese Regel nur. Auch ist durch die Seehofersche Strukturreform mit ihrem Risikoausgleich das Umschmeicheln guter Risiken nicht mehr so attraktiv wie früher. Aber das alles sollte niemanden darüber täuschen, dass die ‚Krankenkassen über lange Jahre die Korruption und Misswirtschaft im deutschen Medizinbetrieb nach besten Kräften angefeuert haben.
Literatur: Walter KRÄMER: „Die Geldfresser", Die Woche, 16.06.1994; „Zehn Jahre Korruption und Misswirtschaft", unveröffentlichte Dokumentation, zu beziehen über Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik, Universität Dortmund, 44227 Dortmund