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M O B B I N G

Was einem MOBBING-Opfer mit Professionellen alles passieren kann


Nehmen wir z. B. meine Patientin P., 35 Jahre alt. Als erstes Kind ihrer seinerzeit 17-jährigen Mutter im Jahr 1965 im Ostteil Berlins geboren und bald von ihr abgelehnt, weil sie ihrer Jugend im Weg steht. Einige Jahre von der Großmutter versorgt, die mit Tochter und Enkel in einer Wohnung lebt.

Als die Mutter heiratet und den Bruder zur Welt bringt, nimmt sie das Mädchen zu sich. Bei der Ablehnung der Tochter bleibt es aber: als die vier Jahre ältere Schwester „darf" sie ihren Bruder versorgen und „kleine" Hausarbeiten durchführen.

Der Erziehungsstil der Mutter ist auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet mit den typischen Elementen der Einschüchterung, Drohung, Nötigung, Körperverletzung, Intrige und Erniedrigung.

Sie macht eine Ausbildung als Verkäuferin und Verkaufsstellenleiterin. Mit 20 Jahren entflieht sie der Schikane ihrer familiären Situation und wird Schiffsstewardess, um allerdings hier den Übergriffen der überwiegend männlichen Kollegen preisgegeben zu sein.

Als die Mutter, zu der der Kontakt völlig eingeschlafen ist, zu Beginn des Jahres 1989 in den Westen flieht, wird sie wegen „Republikfluchtgefahr" vom Schiff, das auch internationale Gewässer befährt, in die Verwaltung eines Erholungsheims versetzt.

Nach der Wende schlägt sie sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch, um schließlich in einer der größten Behörden der Bundesrepublik Deutschland im Westteil der Stadt eine Anstellung als Bürokraft zu finden.

In dieser Behörde herrscht ein rauher Umgangston. Ihre Kollegen lehnen sie ab, weil sie eine „Ossi" ist und die „Preise verdirbt": trainiert darin, sich gefällig zu zeigen, die Wünsche aller Menschen, die an sie herantreten, unter völliger Rückstellung eigener Interessen und Bedürfnisse zu erfüllen. Nie gelernt zu haben, irgendwelche „spaßigen" oder auch ernstgemeinten Beleidigungen oder Provokationen parieren zu können, fällt sie durch die Schikane am Arbeitsplatz in eine tiefe Depression und Verzweiflung und erträgt die nicht enden wollende Kette von Ablehnung, Provokation und Schikane nicht mehr.

Sie beteiligt sich nicht an den zotigen Witzen und permanenten Anspielungen auf ihr vorhandenes oder vielleicht auch nicht vorhandenes Intimleben. Sie gerät in Panik, wenn sie sich an ihren Arbeitsplatz begibt oder auch nur an ihn denkt.

Im Laufe der Jahre ist sie auch noch an einem Leiden aus dem rheumatischen Formenkreis erkrankt. Sie klagt über permanente starke Schmerzen in den Gliedern und in den Gelenken. Nach ihrer Arbeitszeit läuft sie nur noch von Arzt zu Arzt, bezahlt aus eigener Tasche alternative Behandlungen, die von der Krankenkasse nicht übernommen werden. Ihre Kollegen halten sie deswegen für „bescheuert".

Ihre zuvorkommende Art den Bürgern gegenüber, die sie zu betreuen hat, „stört" die Kollegen. Sie befürchten, sie könnte bei der anrollenden Kündigungswelle eher überleben als der eine oder andere von ihnen, der die Arbeitszeit mit der Lektüre von Boulevardblättern und dem Erzählen von neuen und alten Zoten und Witzen über die „Ossis" zubringt, die sowieso alle „nicht arbeiten können" und „strohdoof" seien.

Nachdem sich die Patientin inzwischen in ständiger Behandlung verschiedener Fachärzte befindet, ergibt es sich, daß ihr ihre Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie eine Psychotherapie empfiehlt. So landet sie bei einer kassenärztlich zugelassenen Tiefenpsychologin.

Die erkennt jedoch die aktuelle Lage an ihrem Arbeitsplatz nicht als eine Mobbing-Situation und ihre Patientin nicht als ein Opfer derartiger Aktivitäten. Somit richtet sie ihr Augenmerk eher auf die Erinnerungen aus der Kindheit und die Psychodynamik. Die aktuelle Konfliktsituation am Arbeitsplatz bezeichnet sie als „normal" bzw. sie stellt fest, so sei „es eben überall". Hilfestellungen im Sinne eines Trainings, sich gegen die täglichen Übergriffe ihrer konkurrierenden Kollegen zur Wehr zu setzen, erhält die nicht Patientin nicht.

Als sie bei der Sozialberatung der Behörde, die mit ihren Kollegen schon seit langem „gut bekannt" ist, auf Unverständnis stößt, ist der Psychotherapeutin „klar", daß ihre Patientin selber die Verursacherin der Mobbing-Situation sein dürfte. Sie hält ihre Patientin für „psychisch schwer krank". Das sei nicht bestritten. Doch die Frage ist: Was war hier zuerst?

Wie wir oben sahen, verfügte die auf Befehl und Gehorsam getrimmte Patientin über so gut wie keine Fähigkeiten, sich zu wehren. Insofern liegt eine Disposition dafür vor, eines Tages ein Mobbing-Opfer werden zu können. Ob man dann jedoch tatsächlich gemobbt wird, hängt auch davon ab, mit was für Kollegen man umgeben ist und was für ein Führungsstil vorherrscht. Es gibt es keinen Grund und es kann keinen geben, eine Mitarbeiterin bzw. Kollegin zu schikanieren, wie vorliegend geschehen.

Nachdem sich die Patientin nach Ablauf eines Jahres und 50 Stunden tiefenpsychologischer Behandlung psychisch immer noch nicht stabilisiert fühlte und schließlich ihre Therapeutin fragte, was sie denn eigentlich habe, warum es ihr denn anhaltend so schlecht ging, und die Behandlerin ihr hierauf antwortete: „Wenn ich Ihnen sage, was Sie haben, zerreißen Sie mich in der Luft", geriet die Patientin in völlige Verzweiflung, brach die Behandlung ab und war fortan eineinhalb Jahre krankgeschrieben.

Über eine Mobbing-Beratungsstelle gelangte sie an eine auf Mobbing spezialisierte Verhaltenstherapeutin, die mit ihr die Situation am Arbeitsplatz analysierte und zu dem Ergebnis gelangte, daß hier tatsächlich Mobbing vorlag.

Sodann wandte sie sich auch an einen auf Mobbing spezialisierten Rechtsanwalt, der an die Behörde herantrat und sie aufforderte, ihren Fürsorgepflichten der Patientin gegenüber nachzukommen. In der Behörde war angeblich nichts bekannt darüber, daß die Patientin sich jemals irgendwo über irgendwelches Mobbing beschwert haben wollte.

Auf Grund der langen Krankschreibung wurde von der Krankenkasse der Medizinische Dienst eingeschaltet, der die Erkrankung der Patientin zu begutachten hatte. Kein geringerer als ein Professor für Psychiatrie und Neurologie stellte bei der zierlichen Patientin, die stets höchst zuvorkommend und ihre Leiden dissimulierend auftritt, eine histrionische Persönlichkeit fest; unterstellte ihr, sie wolle am liebsten mit ihren 35 Jahren in Rente gehen oder wieder auf einem Schiff herumfahren. Er verordnete, daß die Patientin nach Ablauf von 6 Wochen wieder zu arbeiten hat, andernfalls ihr das Krankengeld gestrichen würde. Auf den Tatbestand der sehr schmerzhaften rheumatischen Erkrankung der Patientin ging er mit keinem Wort ein. Eine Erkrankung durch Mobbing konnte er sich nicht vorstellen.

Die Patientin erscheint zur Routineuntersuchung bei ihrer Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, die die Krankschreibungen vornimmt und ihr mitteilt, sie könne sie nicht mehr weiterhin krankschreiben, es läge ein Gutachten des MDK vor, wonach sie eine histrionische Persönlichkeit sei, die sich das an ihrem Arbeitsplatz alles nur mehr oder weniger einbilde, aus Mücken Elefanten mache und sich nur vor der Arbeit drücken wolle. Außerdem würde sie es sich nicht mit einem Professor anlegen wollen. Sie schreibt die Patientin nicht mehr krank, mit der Folge, daß die Zahlungen des Krankengeldes eingestellt werden, die sie zum Teil bis zum heutigen Tag nicht erhielt.

Auch diese Situation verschlechtert ihre Befindlichkeit; sie verfällt, nach vorübergehenden guten Fortschritten in der Selbstbehauptung ihrem Freund und Familienangehörigen gegenüber, erneut in tiefe Verzweiflung bzw. Depression. Jetzt sucht sie neue Ärzte, die ihr helfen und sie krankschreiben könnten; und ihr Rechtsanwalt ist allmählich auch ein wenig eingeschlafen. Es folgt eine Odyssee durch die Arztpraxen.

Um es abzukürzen: Nach eineinhalb Jahren Verhaltenstherapie und Training auf der Grundlage der Anerkennung einer Mobbing-Situation und einigen stationären Aufenthalten ist es der Patientin gelungen, zwar nicht an ihren alten Arbeitsplatz, aber doch in die Behörde zurück zu kehren. Nach wie vor bedarf sie des Trainings, sich gegen ihre neuen Kollegen behaupten zu können, denn auch hier existieren Konkurrenzen und bei jedermann eine panische Angst vor der Entlassungswelle, denn von Amts wegen müssen und werden hier nach und nach mehrere Tausend Kollegen gekündigt oder in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.

Schlimm ist es, wenn die Professionellen eine Mobbing-Situation verkennen, die psychische Verfassung des Opfers ausschließlich als „durch die Kindheit" determiniert betrachten und die realen Umwelteinflüsse, unter denen wir mehr als unter unseren frühkindlichen Erlebnissen leiden, übersehen. Gänzlich unerträglich wird es, wenn Professionelle sich dazu versteigen, pauschal zu behaupten, das ohnehin schon immer psychisch kranke Mobbing-Opfer habe durch seine Krankheit die Mobbing-Situation selber erzeugt.

Daß es sich bei meiner Patientin P. nicht um einen Einzelfall handelt, sonder sehr häufig die Professionellen im Umgang mit Mobbing-Opfern derartig versagen, berichtete bereits LEYMANN in seinem ausgezeichneten Buch über MOBBING.

Sicherlich gibt es auch Fälle von Menschen, deren Sozialverhalten für die Kollegen belastend ist. Dennoch erlaubt dieses niemandem, zu dem Instrument des MOBBING zu greifen. In einem solchen Fall müssen mit dem schwierigen Kollegen ernsthafte Gespräche geführt und ihm der Weg aufgezeigt werden, wie er sich anders verhalten kann und soll. Von einem solchen Fall war aber vorliegend nicht die Rede.

LEYMANN, H. (1993). Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek: Rowohlt

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