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Joseph Kirschner

Warum es keinen Grund gibt,

irgend jemand mehr zu respektieren

als uns selbst



Bei der Erziehung, der wir von Kindheit an ununterbrochen ausgesetzt sind, wird sehr viel Mühe darauf verwendet, uns Respekt vor allen möglichen Dingen einzuflößen. Respekt vor Autoritäten. Respekt vor Leuten, die auf irgendeinem Gebiet mehr wissen als wir. Respekt vor Titeln, Vorgesetzten, Macht und Geld. Es ist deshalb nicht überraschend, wenn wir im Laufe der Zeit einem Ritual der Unterwerfung unterliegen, aus dem andere Menschen Vorteile ziehen.

Für jeden, der andere in irgendeiner Weise ausnützen will, ist dieses Ritual der Unterwerfung ein bequemes Instrument zur Ausübung von Macht. Er wird alles daransetzen, dass er dieses Instrument in seiner Hand behält. Je unterwürfiger andere sind, um so leichter ist es für ihn, sie auszunützen.

Die Menschen, die bei Behörden in Reih und Glied warten, bis sie vorgelassen werden, erhalten mit diesem Akt der Demütigung die Botschaft: »Du bist nichts weiter als ein kleines Würstchen. Wenn du der Behörde nicht den notwendigen Respekt erweist, bekommst du nie, was du gerne haben möchtest.«

Aus Angst davor, schikaniert zu werden, zollen die Bittsteller dem Amt Respekt, obwohl es eigentlich umgekehrt sein sollte. Es gehört zum Ritual der Unterwerfung, dass Wartende vor einer Amtsstube nur einzeln eintreten dürfen. Sie sollen sich einsam und verlassen fühlen. Mit keinem anderen Menschen an seiner Seite, der ihm beistehen könnte. Hilflos dem Beamten ausgeliefert, der seine ganze Überlegenheit im Umgang mit dem Machtinstrument Bürokratie ausspielen kann.

Von ihm allein hängt es ab, ob unsere Angelegenheit schnell erledigt wird oder erst in zwei Jahren. Er kann uns einen Tipp geben oder eine Falle stellen, wenn er möchte, dass wir stolpern. In ungezählten Variationen wiederholt sich täglich überall, was ich kürzlich auf einer Straße in Wien erlebte. Ein Polizeibeamter hielt ein Auto an, weil der Fahrer ein Verkehrszeichen nicht beachtet hatte. Nicht, dass er vielleicht zu ihm sagte: »Sie haben das und das gemacht, das kostet Sie soundsoviel.« Nein, er wollte sich eine kleine Ersatzbefriedigung verschaffen, indem er das Ritual der Unterwerfung mit dem Fahrer zelebrierte.

Als er ausgestiegen war, blickte der Polizist ihn im Bewusstsein seiner ganzen Überlegenheit an und fragte: »Warum glauben Sie wohl, dass ich Sie angehalten habe?«
Der Fahrer antwortete: »Ihrer Dienstvorschrift entsprechend haben Sie mich zuerst zu grüßen. Tun Sie das.«
Er grüßte verdutzt.
Dann sagte der Fahrer: »Ich verlange von Ihnen, dass Sie mich über den Grund der Amtshandlung informieren. Da Sie weder den Charme noch die Intelligenz eines Hans Joachim Kulenkampf besitzen, habe ich nämlich keine Lust, mit Ihnen als Quizmaster ein Ratespiel zu machen.«

Das alles und noch einige Bemerkungen verletzten den Beamten natürlich zutiefst in seiner Ehre. Es ergab sich ein längeres Gespräch, an dessen Ende der Beamte eröffnete: »Das haben Sie nun davon. Wenn Sie mir nicht widersprochen hätten, dann hätte ich Sie auch nicht angezeigt.«

Es ist kein Zufall, dass die meisten Ärzte großes Interesse an überfüllten Wartezimmern haben. Das erzieht die Wartenden zu jenem Respekt, den der Arzt von ihnen erwartet. Die Zeit des Wartens, die düsteren Gesichter der Herumsitzenden, die Krankheitsgeschichten, die sie einander erzählen, und dann die Ehrfurcht, mit der sie zur Tür gehen, wenn sie respektgebietend aufgerufen werden. Alles das schafft den gewünschten Abstand zwischen Arzt und Patient.

Wer in das Allerheiligste vorgelassen wird, soll gar nicht erst auf den Gedanken kommen, er dürfe Zeit und Mühe der Respektsperson länger in Anspruch nehmen, als es gewünscht wird. Arzte erwecken den Eindruck, als wüssten sie tatsächlich immer genau, was einem Patienten fehlt. Sie verschreiben selbst die nutzlosesten Medikamente so, als wären es Wundermittel. Wenn sie nicht helfen, überspielt das der Arzt so gekonnt, dass seine Autorität vor dem Patienten unangetastet bleibt.

Wir erfahren allwöchentlich aus den Zeitungen die Statistiken über die Autounfälle am Wochenende. Bei besonders schweren Fällen werden sogar die Namen und Adressen der Schuldigen veröffentlicht. Haben Sie schon einmal gehört, dass irgendwo Statistiken über die Sterbefälle veröffentlicht wurden, die durch größere Sorgfalt der Ärzte hätten vermieden werden können? Mit Namen und Adressen der Schuldigen in besonders schweren Fällen?

Solche Statistiken gibt es nicht. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil Autofahrer, die durch ihre Nachlässigkeit den Tod anderer Autofahrer verursachen, nicht als Respektspersonen angesehen werden. Ärzte, die durch ihre Nachlässigkeit den Tod von Patienten verursachen, sind hingegen Respektspersonen. So entscheidet der Respekt, den manche Bevölkerungsgruppen genießen, darüber, ob sie der öffentlichen Verachtung preisgegeben werden oder nicht.

Natürlich gibt es Patienten, die nicht in Wartezimmern herumzusitzen brauchen. Sie sind telefonisch angemeldet und werden direkt vorgelassen. Oder sie werden in den Privatabteilungen der Professoren behandelt. Ihr Privileg besteht darin, dass sie genügend Einfluss oder Geld besitzen, dem der Arzt seinerseits Respekt zu zollen hat.

Respektspersonen haben in ihren Wirkungsbereichen ganz bestimmte Anordnungen installiert, die erkennen lassen, wie groß der Respekt sein muss, der ihnen erwiesen werden soll. Dies drückt sich etwa durch die Dauer der Wartezeit aus, ehe man vorgelassen wird. Oder durch die Zwischenstationen und Vorzimmer, die zu überwinden sind. Deshalb residieren führende Leute, die es sich leisten können, in möglichst großen Räumen hinter riesigen Schreibtischen, die möglichst weit von der Tür entfernt stehen, durch die jeder Besucher eintreten muss.

Die Länge des Weges und die Möglichkeit, die prunkvolle Einrichtung zu betrachten, sollen dem Eintretenden schon Respekt einflößen, noch ehe er mit der Respektsperson auch nur ein Wort gesprochen hat. Man kann auch sagen: Mit Hilfe verschiedener Unterwerfungsrituale soll dem anderen klargemacht werden, wie klein er und wie groß die Respektsperson ist.

Es wäre unrealistisch, den Versuch unternehmen zu wollen, dieses System der ständigen Unterwerfungsversuche zu ändern. Die Erfahrung zeigt, dass jedes neue System auch wieder nur nach derselben Gesetzmäßigkeit funktioniert. Jeder von uns ist schließlich ein Bestandteil dieses Systems. Er ist bestrebt, darin seine Position zu verteidigen oder auszubauen. Er unterwirft sich seinem Vorgesetzten oder einem Arzt oder Beamten, um von ihm einen Vorteil zu erlangen. Andererseits versucht er, Untergebene zu unterwerfen.

Ob es uns gefällt oder nicht, das System besteht. Jedem einzelnen steht es allerdings frei, die für ihn beste Einstellung dazu zu finden. Denn es ist ein entscheidender Unterschied, ob wir anderen Leuten Vorteile überlassen, nur weil sie es verstehen, uns einzuschüchtern. Oder ob wir wenigstens gleiche Chancen für eine Konfrontation mit ihnen schaffen.

Es geht also darum, unser Revier zu verteidigen. Und Sie wissen:

Je entschlossener wir dazu bereit sind, je überlegter wir vorgehen, um so besser können wir die Möglichkeiten nützen, auch gegen scheinbar übermächtige Angreifer zu bestehen.

Wer sein Revier nicht abgesteckt hat, wird in seiner Unsicherheit ständig versucht sein, sich durch Unterwürfigkeit wenigstens ein Minimum an Vorteilen zu sichern.

Dieses Minimum ist allerdings auch noch vom Wohlwollen anderer abhängig.

Die Überzeugung »Ich bin für jeden, egal, welche Art von Autorität er für sich in Anspruch nimmt, ein gleichwertiger Partner und lasse mich durch kein Ritual der Unterwerfung einschüchtern« ist eines von drei Prinzipien, die uns davor bewahren können, von anderen benachteiligt zu werden.

Das zweite Prinzip lautet: »Für jeden und alles, was sich mir als einzige Autorität auf irgendeinem Gebiet anbietet, suche ich nach Alternativen.« Dies bedeutet, dass wir Respekt durch Respektlosigkeit ersetzen und von der Überlegung ausgehen: »Ich brauche mich niemandem unterzuordnen, wenn ich für ihn eine gleichwertige oder bessere Alternative finde. Ich muss mich nur der Mühe unterziehen, sie zu suchen.«

Wenn der Fleischer in meiner Straße behauptet, er verkaufe die besten Hammelkeulen der Stadt, deshalb seien sie so teuer, kann ich mich natürlich diesem Autoritätsanspruch unterwerfen. Ich kann aber auch zu einem anderen Fleischer gehen, der billigere Hammelkeulen verkauft. Vielleicht sind sie wirklich nicht so gut wie die anderen. Aber das ist vermutlich wirklich nur eine Entscheidung zwischen einer Geschmacksnuance und dem billigeren Preis.

Viele Menschen unterwerfen sich willig allen möglichen Diktaturen, nur weil sie zu bequem sind, nach Alternativen zu suchen. Sie schimpfen, aber kaufen. Sie jammern, aber liefern sich doch ohne Gegenwehr den Leuten aus, die sich diese Abhängigkeit zunutze machen. Statt zu sagen: »Lieber esse ich eine nicht ganz so gute Hammelkeule, ehe ich mir vom Fleischer einen Preis diktieren lasse, den ich nicht für gerechtfertigt halte.«

Das dritte Prinzip schließlich lautet: »Ich verteidige mich gegen die Unterwerfungsversuche von Autoritätspersonen durch umfassende Information. «

Einer der wesentlichsten Gründe, warum sich Menschen mit Respekt umgeben, ist: Sie wollen unantastbar sein. Sie möchten tun, was ihnen nützt, ohne irgend jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Vor allem nicht jenen Leuten, die von ihnen ausgenützt werden.

Der einfachste Weg ist, jemanden als unwissend hinzustellen. Dabei ist immer nur der unwissend, der sich damit zufrieden gibt, es zu sein, und vor anderen nur deshalb vor Ehrfurcht zerfließt, weil sie auf irgendeinem Gebiet mehr verstehen als er.

Gleichgültig, was wir sind und welche Schulbildung wir haben, niemand kann uns daran hindern, beispielsweise den Zahnarzt aufzufordern, uns die Details eines Röntgenbildes zu erklären, ehe er unsere Zähne behandelt.

Ich selbst saß zwanzig Jahre lang immer wieder mit feuchten Händen in Behandlungssesseln, voll Respekt vor dem Können der Spezialisten. Sie machten Röntgenaufnahmen meiner Zähne, aber keiner von ihnen fand es der Mühe wert, mir zu erklären, was er dort sah, ehe er den Bohrer ansetzte.

Später geriet ich dann an einen Dentisten, der mir anhand der Röntgenaufnahmen meiner Zähne deutlich machte, was seine von mir so respektierten Kollegen an meinem Gebiss verdorben hatten. Bei drei Wurzelbehandlungen waren die Wurzeln so oberflächlich gefüllt worden, dass sich Jahre später Entzündungen bildeten, die in den ganzen Körper ausstrahlten. Unter einer sündteuren Brücke war durch unsachgemäße Vorarbeit ein Eiterherd entstanden.

Alles das konnte ich selbst auf dem Röntgenbild erkennen. Aus solchen Erfahrungen sollten wir lernen, warum Respektspersonen so erpicht darauf sind, uns so viel Ehrfurcht einzuflößen, dass wir es nicht wagen, von ihnen Rechenschaft zu fordern.

Wir sollten es trotzdem beharrlich tun. Bei Chefs und Handwerkern, bei Ärzten und in Ämtern. Denn keiner von ihnen ist unersetzlich. Manche von ihnen wären sicher schon längst ersetzt, wenn ihre Untergebenen, Kunden oder Patienten sie für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen hätten.

Deshalb sollten wir jedem, der uns einen Preis einreden will, respektlos erklären: »Ich komme auf Ihr Angebot zurück, wenn ich die Ware nicht irgendwo anders günstiger bekomme.«

Wir sollten Arzte fragen: »Warum verschreiben Sie mir dieses Medikament?« Oder: »Erklären Sie mir, wie Sie zu dieser Diagnose kommen.« Oder wenn ein Medikament nicht geholfen hat, sollten wir Rechenschaft darüber verlangen, warum er es uns verschrieben hat.

Weil so viele Menschen andere zuviel und sich selbst zuwenig respektieren,
- sind ungezählte Ehefrauen nichts weiter als die Nutznießer ihrer Männer, die sich abrackern, um ihren ewig unzufriedenen Frauen einen bequemen Lebensunterhalt zu sichern;
- degradieren kaum weniger Ehemänner ihre Frauen zu Hausmütterchen, die zu nichts anderem gut sind, als ihnen den Haushalt zu führen und die Kinder zu erziehen; ansonsten aber sollen sie vor ihren Männern in Ehrfurcht zerfließen;
- sitzen ganze Heerscharen von Bürokraten selbstherrlich hinter Schreibtischen, überzeugt davon, dass wir für sie da sind und nicht sie für uns;
- fällen Politiker Entscheidungen in der Gewissheit, dass keiner von denen, deren Interessen sie vertreten sollen, sie zur Rechenschaft ziehen wird. So groß der Schaden auch ist, den sie angerichtet haben.

Keine noch so militante Revolution ist denkbar, die uns mehr nützt als die Revolution der entschlossenen Selbstbehauptung jedes einzelnen von uns. Nach seinen Möglichkeiten. Nach seinen Fähigkeiten. Nach dem Stand seiner Kenntnis über die Zusammenhänge, die zur bestmöglichen Selbstentfaltung führen.

Weil niemand daran interessiert ist, uns die optimalen Voraussetzungen für die Selbstentfaltung zu schaffen, muss jeder einzelne es selbst tun.

Weil niemand für unser Glück die Verantwortung übernehmen kann und will, müssen wir sie selbst übernehmen.

Weil es uns nicht weiterbringt, ständig anderen die Schuld für unser Unglück und unsere Unzufriedenheit in die Schuhe zu schieben, sollten wir unser Leben selbst in die Hand nehmen.

Am besten beginnen wir mit dieser Revolution schon heute. Um nie wieder damit aufzuhören.


aus: Die Kunst, ein Egoist zu sein. Das Abenteuer, glücklich zu leben -

auch wenn es anderen nicht gefällt. Knaur, 1976

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